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Nachruf auf Emil Lampe.(23. 12. 1840 - 4. 9. 1918.) |
Von E. Jahnke in Berlin. |
| Mit Emil Lampe ist ein gottbegnadeter Lehrer der Mathematik dahingegangen, der sein Leben bis zum letzten Atemzuge der Wissenschaft geweiht hat. Er hat, es ist richtig, die Wissenschaft nicht durch neue, überraschende Erkenntnisse gefördert. Aber er war der geborene Lehrer, der unermüdlich an den Methoden herumfeilte, neue und immer wieder neue Übungsbeispiele und Aufgaben aus verschiedenen Gebieten heranzog, um der Jugend das Überschreiten der Schwellen, die zu den Hallen des mathematischen Tempels führen, zu erleichtern. In dieser Eigenschaft hat er auch dem Archiv der Mathematik und Physik außerordentlich viel geleistet, so daß es sich geziemt, auf das Lebenswerk des hervorragenden Mannes an dieser Stelle näher einzugehen. |
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Karl Otto Emil Lampe ist ein Kind der Mark; er wurde am 23. Dezbr. 1840 zu Gollwitz bei Brandenburg an der Havel als Sohn des Dorfschullehrers geboren. Vom Vater erhielt er die erste Ausbildung und erlangte auf der Dorfschule eine beneidenswerte Übung im Kopfrechnen, die ihm bis in sein spätes Alter erhalten blieb. Mit einer gewissen Genugtuung pflegte er auf diesen Ursprung hinzuweisen, wenn ihm später jemand seine Bewunderung über sein schnelles Rechnen zum Ausdruck brachte. Dem glücklichen Umstand, daß Lampe seine Jugend in der freien Luft des Feldes und des Waldes zugebracht hat, verdankt er auch jene wunderbare Konstitution, die alle, die das Glück hatten, ihm näher zu treten, wieder und immer wieder in Staunen versetzte. Man denkt dabei unwillkürlich an Jakob Steiner, den großen Geometer, der auch seine Jugend auf einem Bauerndorf zugebracht hat und dem es erst im Alter von 17 Jahren gelang, dem Vater klarzumachen, (Seite 2) daß er einen höheren Beruf in sich trage als den, die Äcker des Vaters zu bebauen und durch die Pflege der Schafe den Stoff für die Strümpfe der Familie herbeizuschaffen. Über Emil Lampe waltete ein gütigeres Geschick. Als zwölfjähriger Schüler der Gollwitzer Dorfschule erregte er die Aufmerksamkeit des Direktors Riebe von der Brandenburger Realschule Saldria, und dieser veranlaßte den Vater, den Sohn hierhin zu schicken. Der Knabe kam schnell vorwärts und bestand im Herbst 1859 die Reifeprüfung. Da er auf der Universität studieren wollte, mußte er als Schüler einer Realanstalt, die übrigens später in eine Oberrealschule umgewandelt wurde, die gesamte Gymnasialprüfung nachmachen, eine Arbeit, die er während der beiden ersten Studiensemester nebenbei erledigte. Er war offenbar für Sprachen begabt, so daß es ihm nicht schwer fiel, sich die erforderlichen Kenntnisse in Griechisch und Latein anzueignen. Schon im Herbst des folgenden Jahres legt er am Französischen Gymnasium die Reifeprüfung ab. Überhaupt scheint er eine Zeitlang in Zweifel gewesen zu sein, ob er neuere Sprachen oder Mathematik zu seinem Hauptstudium erwählen sollte. Finden wir ihn; doch auf der Berliner Universität im Seminar von Herrig französischen Studien obliegen. Und als Oberlehrer hat er dann noch jahrelang Französisch und Englisch in den oberen Klassen einer Oberrealschule unterrichtet. Seine erste Programmarbeit(1) an dieser Anstalt ist französisch geschrieben. Auf der Universität waren es besonders Kummer, Weierstraß und Magnus, die ihn mächtig anzogen und die. Richtung seiner Studien bestimmten. Allen bewahrte er Zeit seines Lebens eine innige Dankbarkeit, die er nicht versäumte, bei besonderen i Anlässen mit Betonung auszusprechen. In seinen Nachrufen auf Kummer und Weierstraß gibt sich seine tiefe Verehrung für die beiden Zierden der Berliner Universität kund, die ihm mit väterlichem Wohlwollen den Weg auf seiner akademischen Laufbahn ebneten. Kummer verdankt er die Anregung zu seiner Doktorarbeit, die die Oberflächen vierter Ordnung mit dreifachen Punkten zum Gegenstande hat.(2) Kurz vor Weihnachten 1864 besteht er die Doktorprüfung. Seine Opponenten sind W. Biermann, Mertens und Schwarz, von denen der erstere, der übrigens mit dem Herausgeber O. Biermann der Weierstraßschen Vorlesungen über analytische Funktionen nicht identisch ist, inzwischen verstorben ist. Mit Mertens und Schwarz blieb Lampe bis zu seinem Tode in treuer Freundschaft verbunden. Inzwischen hatte er, nämlich schon Anfang 1863, die Staatsprüfung abgelegt und die Berechtigung erlangt, den Unterricht für Mathematik, (Seite 3) Physik, Botanik, Zoologie, Französisch und Englisch in den Oberklassen zu erteilen. Nachdem er dann seiner militärischen Dienstpflicht beim zweiten Garderegiment zu Fuß genügt hat, kommt er an die Friedrichswerdersche Gewerbeschule, die damals unter Gallenkamp stand, und von da an das Luisenstädtische Gymnasium, um sein Probejahr abzuleisten. Bereits am 1. April 1866 wird er als ordentlicher Lehrer am Luisenstädtischen Gymnasium angestellt, geht aber ein Jahr darauf an die Luisenstädtische Gewerbeschule, die spätere Luisenstädtische Oberrealschule, über, die ihm ein dankbareres Feld der Betätigung bietet. Den Feldzug 1866 konnte er aus Gesundheitsgründen nicht mitmachen, wohl aber nahm er am Feldzug 1870 teil. Allerdings ist er nicht ins Gefecht gekommen und wurde nach dem Fall von Straßburg wegen seiner Sprachenkenntnisse hierher geschickt, um in den Archiven zu arbeiten. Im Jahre 1867 ging er mit der Tochter des Tuchwarenkaufmanns Diederichs einen Lebensbund ein, dem ein Sohn entsprang, der jetzige Studienrat Dr. Felix Lampe, der sich als Geograph einen geachteten Namen gemacht hat. An der Luisenstädtischen Oberrealschule hat Lampe bis zu seiner Berufung an die Technische Hochschule am 1. Oktober 1889 ununterbrochen gewirkt.
Emil Lampe hat an seine Oberlehrerzeit stets gern zurückgedacht. Er war ein Lehrer von Gottes Gnaden. Ihm war die Gabe eigen, die das Geheimnis eines jeden Lehrerfolges birgt: er verstand seine Schüler zu fesseln, zu begeistern. Es kommt ja beim Lehren nicht .so sehr darauf an, was man vorträgt, sondern wie man es vorträgt. Die Persönlichkeit ist das Primäre, der Gegenstand kommt erst an zweiter Stelle. Und so gelang es ihm, auch den widerwilligen Schüler, der mathematischem Denken Abneigung entgegenbrachte, heranzuziehen und auf die Knie vor der von ihm so heiß geliebten Mathesis niederzuzwingen. Die Schüler ihrerseits, die mit sicherem Instinkt zu scheiden wissen zwischen aufrichtigem Wesen und Heuchelei, zwischen gediegenem Wissen und äußerem Prunken, brachten ihrem Lehrer Verehrung und Vertrauen entgegen. Eine ganze Reihe unserer jetzigen Oberlehrer ist aus Lampes Schule hervorgegangen und gedenkt in aufrichtiger Dankbarkeit ihres einstigen Lehrers.
Der mathematische Unterricht an der Luisenstädtischen Oberrealschule ist von Lampe in eigenartiger Weise ausgestaltet worden. Es war die Zeit, wo Schellbachs „Atome“ in alle Richtungen strahlten, um die Reformgedanken ihres großen Lehrers weiterzutragen und weiterzubilden. Es war die Zeit, wo Gallenkamp, ein Schüler Steiners, seine Elemente der Mathematik schrieb; es war die Zeit, wo Max Simon und O. Reichel die Weierstraßschen Gedanken über den Aufbau (Seite 4) der Arithmetik für den Unterricht an den Mittelschulen zu verwerten suchten. Neben diesen Männern muß der Name Lampes genannt werden als desjenigen, der den mathematischen Unterricht nach der Richtung hin umgestaltete, die in neuester Zeit von den sogenannten Reformern aufgenommen und weiter ausgebaut worden ist. Es ist wahr, Lampe hat sich über die von ihm angewandten pädagogischen Methoden, über seine Lehrweise nicht vor der breiten Öffentlichkeit ausgelassen, er hat kein Buch über die Pädagogik im mathematischen Mittelschulbetrieb geschrieben. Das ist natürlich kein Zufall. Diese Tatsache dürfte damit zusammenhängen, daß sich das Wort Pädagogik zu den Zeiten eines Kummer, der selbst ein gottbegnadeter Lehrer war/ keines guten Klanges erfreute. Und in der Tat muß man wohl zugestehen, daß gerade diejenigen, die bändereiche Erläuterungen über die Pädagogik im mathematischen Mittelschulbetrieb von sich gegeben, sich vielfach nicht als die besten Lehrer bewährt haben. Die gewaltige Literatur über Pädagogik kann auch wohl nur den Zweck haben, grobe Verstöße gegen die elementaren Regeln der Lehrkunst nach Möglichkeit zu verhindern. Wie dem auch sei, Lampe hatte von Natur die pädagogische Ader, den pädagogischen Takt. Mit sicherem Blick nahm er die Organisation des Unterrichts in Mathematik und Physik an seiner Oberrealschule vor, nach einer Richtung, die sich mit den neueren Bestrebungen nach Umgestaltung des mathematischen Unterrichts berührt. Gemeinsam ist allen diesen Bestrebungen der Wunsch, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung im Elementarunterricht zu größerer Geltung zu bringen, zwischen der Schule und der Universität eine engere Fühlung herzustellen, die funktionale Abhängigkeit in den Vordergrund zu rücken und dabei der Anschauung ihren Platz neben dem logischen Erfassen zu sichern. Die Betonung des Anschaulichen darf allerdings — darüber war sich Lampe vollkommen klar — nicht so weit gehen, daß die Einübung der algebraischen Methoden zu kurz kommt. Andererseits war Lampe nicht bloß durch die Schule von Kummer und von Weierstraß gegangen, er fühlte sich auch als Schüler von Magnus; er ist als Student ein eifriger Teilnehmer der berühmten Kolloquien des Berliner Physikers gewesen. Als solcher legt er Wert darauf, seinen Schülern die Verwendbarkeit mathematischer Methoden für Aufgaben von Geometrie und Physik vorzuführen. So schreibt er in einem Gelegenheitsbeitrag(3) zu einer Liebesgabe deutscher Hochschulen: „Die Getreidemieten auf dem Felde in ihren verschiedenen Gestalten, die bei Versicherungsgesellschaften gegen Feuer versichert waren, die (Seite 5) verschiedenen Dachformen der Scheunen, Erdgruben, Erdwälle, Tonnen und Kisten gaben Anregung zu Aufgaben, die nicht in den mir bekannten Sammlungen standen. — Das Hinabrollen einer Kegelkugel zwischen zwei gegeneinander geneigten Brettern gab mir später als Lehrer der Mathematik den Gedanken, diese Aufgabe von meinen Schülern an der Kriegsakademie behandeln zu lassen. — Die pendelnde Bewegung eines zugespitzten Federhalters auf einer geneigten Tischplatte lieferte den Stoff zu einer hübschen Übungsaufgabe. — Die in dem Becken eines Springbrunnens schwimmende hölzerne Halbkugel, die Hälfte einer gespaltenen Kugel vom Krocketspiel, führte nicht bloß auf die bekannte Frage nach der Tiefe des Eintauchens, Sondern auf die viel schwierigere nach den verschiedenen Lagen des Gleichgewichts und ihrer Stabilität. — Zwei horizontale, gleich hohe Querhölzer zweier nebeneinander liegender Fensterscheiben warfen im Sonnenschein Schatten, von denen der eine nicht in der Verlängerung des anderen lag. Die Ursache dieser Erscheinung war ausfindig zu machen und rechnerisch zu prüfen.“
In diesem Sinne schrieb Lampe 187? sein einziges größeres Werk:(4) „Geometrische Aufgaben zu den kubischen Gleichungen nebst einem Anhang mit Aufgaben über biquadratische Gleichungen“. Eine Fortsetzung fand diese Veröffentlichung im Programm der Luisenstädtischen Oberrealschule vom Jahre 1885: „Geometrische und mechanische Aufgaben zur numerischen Auflösung von Gleichungen höherer Grade“(5) und in Vorträgen, die er in der Berliner Physikalischen Gesellschaft gehalten hat. Schon Ende der sechziger Jahre taucht Lampe in dieser Gesellschaft auf, vermutlich auf Veranlassung seines Lehrers Magnus. Bis in die letzten Jahre vor dem Kriege gehörte er zu den ständigen Teilnehmern der Sitzungen. Ein Problem, das er hier mehrfach behandelt und das auch den Gegenstand seines letzten, in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft noch 1917 gehaltenen Vertrages bildet, betrifft die Anziehung einer homogenen Masse auf einen materiellen Punkt nach dem Newtonschen Gesetz.(6) Diese Mitteilungen berühren sich mit Playfairs Arbeiten über die Maximalattraktion einer gegebenen Masse.
Andere Fragen, über die er vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft vortrug, betreffen die Bewegung eines Kreiskegels, der auf einer schiefen Ebene rollt, ohne zu gleiten(7); die günstigste Form der Geschoßspitzen(8) die Gleichgewichtsgestalt der Oberfläche einer Flüssigkeit in einer Hohlkugel, die gleichförmig um ihren vertikalen Durchmesser rotiert(9). (Seite 6) Hierhin gehören auch die Aufgaben über Trägheitsmomente(10) und „Physikalische Aufgaben“(11) die er 1888 in der Zeitschrift für physikalischen und chemischen Unterricht veröffentlichte, und zwei elementare Aufgaben aus der Mechanik über eine gewisse Klasse von Körpern(12), über die er 1908 auch in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft vorgetragen hat.
Besonderes Interesse brachte er zwei Aufgaben der Approximationsmathematik entgegen, der mechanischen Quadratur und der Dreiteilung des Winkels, deren Literatur er, wie kaum ein zweiter, beherrschte, und auf die er wieder und immer wieder in einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen, u. a. im Jubelbande des Crelleschen Journals(13) und in den Sitzungsberichten der Berliner Mathematischen Gesellschaft(14) zurückgekommen ist.
Die übrigen zahlreichen Mitteilungen Lampes sind Anregungen entsprungen, geschöpft aus der jeweiligen Literatur, die in so großen Mengen durch seine Hände ging. War er doch Herausgeber des Jahrbuchs über die Fortschritte der Mathematik, jahrelang Referent für das Bulletin des sciences mathématiques und bis in die letzte Zeit Referent für die Fortschritte der Physik, Referent für die Beiblätter der Physik und für das Archiv der Mathematik u. Physik. Unter den Referenten für die Fortschritte der Physik war er wohl der älteste, wie er auch zu den ältesten Mitgliedern der Physikalischen Gesellschaft gehörte.
Die bedeutsamste Leistung Lampes, diejenige Leistung, die seinen Namen mit der Entwicklung der Mathematik von den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an eng verknüpft, ist die Herausgabe des Jahrbuchs über die Fortschritte der Mathematik. Das Jahrbuch war in Nachbildung zu den Fortschritten der Physik 1868 von dem Oberlehrer Carl Ohrtmann begründet worden und wurde zunächst von ihm unter Mitwirkung der Herren Wangerin und Felix Müller herausgegeben. Im Frühjahr 1885 starb Ohrtmann; jetzt übernahmen Henoch und Lampe die Herausgabe; und als 1890 Henoch starb, fiel die ganze Arbeitslast auf Lampes Schultern. Und diese Last hat er getragen 28 Jahre lang. Nur wenige werden ermessen können, was das zu bedeuten hat: jahraus jahrein die gesamte Literatur, soweit sie sich auf die reine und die angewandte Mathematik nebst ihren Anwendungen auf Mechanik, Physik, Geodäsie, Astronomie und Meteorologie im In- und Auslande bezieht, zusammenzustellen und zu verteilen, einen Stab von Referenten heranzubilden, Lücken, die in diesem Stab auftraten, auszufüllen, die Schriftsätze zu den Berichten rechtzeitig in die Hand zu bekommen (Seite 7) und dann sämtliche Korrekturen zu lesen. Trotz aller Maßnahmen ließ sich nicht vermeiden, daß alljährlich über eine ganze Reihe von Arbeiten keine Berichte einliefen. Auch hier sprang Lampe ein und übernahm noch die weitere Aufgabe, die Berichte über diese Aufsätze schnell anzufertigen. Und so kommt es, daß wir etwa ein Fünftel aller Berichte in den Fortschritten der Mathematik von Lampe als Verfasser oder Übersetzer ausländischer Berichte unterzeichnet finden. Fürwahr eine erstaunliche Leistung, wenn man beachtet, daß jeder Jahrgang etwa 2000 Berichte enthält! In Anerkennung der Verdienste, die sich Lampe dadurch um die Entwicklung der mathematischen Wissenschaft erworben hat, ernannte ihn die Societé Royale des Sciences de Liège 1898 zu ihrem korrespondierenden Mitgliede.
Eine solche Leistung war allerdings nur dadurch möglich, daß es sich bei den Referaten meist bloß um eine berichtende Tätigkeit, nur hin und wieder um eine kritische Beurteilung handelte. Offenbar hat Lampe den größten Teil seiner freien Zeit dem Jahrbuch gewidmet. Sein ganzes Fühlen und Denken galt mehr und mehr dem Jahrbuch. Es muß daher überraschen, zu hören, daß Lampe nicht daran gedacht hat, sein Werk für die Zukunft sicherzustellen. Bei dieser Sachlage wird man nicht umhin können, das Jahrbuch einer gründlichen Umgestaltung zu unterziehen, zunächst in der Richtung, daß alle Gebiete, die nicht der reinen und der angewandten Mathematik angehören, auszuscheiden sind. Was hat es z. B. für einen Zweck, daß über die Gebiete der mathematischen Physik an drei verschiedenen Stellen, außer im Jahrbuch noch in den Fortschritten der Physik und in den Beiblättern berichtet wird. Das ist nicht wirtschaftlich gedacht! Eine zweite Einschränkung des Jahrbuchs wäre möglich hinsichtlich des Umfanges der Berichte. In den meisten Fällen dürfte eine kurze Angabe über Gegenstand und Ziel der Abhandlung genügen, woraus der Suchende ermessen kann, ob es sich für seine Untersuchung lohnt, die betreffende Abhandlung selber einzusehen. Nur wenn solche wirtschaftlichen Gesichtspunkte berücksichtigt werden, erscheint es meiner Meinung nach möglich, das Unternehmen in Zukunft weiterzuführen.
Das mathematische Leben in Berlin war nach dem Tode von Weierstraß nicht allzu rege. Die Zustände in der mathematischen Abteilung der Berliner Universität waren der Förderung eines solchen Lebens abhold. Es war daher ein Lichtblick, daß es Lampe als Herausgeber der Fortschritte auf sich nahm, die Mitarbeiter des Jahrbuchs alle vier Wochen zu einem geselligen Abend in einem Wirtshaus zusammenzuladen. Diese lose Vereinigung kann man als einen Vorläufer der Berliner Mathematischen Gesellschaft ansehen, die mit dem Beginn (Seite 8) des neuen Jahrhunderts von Herrn Kneser und mir ins Leben gerufen wurde. Merkwürdigerweise verhielt sich Lampe unserem Plane gegenüber zunächst ablehnend und äußerte seine Bedenken, daß wir eine mathematische Gesellschaft, unabhängig von den Vertretern der Mathematik an der Universität, gründen wollten. Von den damaligen Vertretern der Mathematik an. der Universität waren nur die Herren Hensel und Landau für unsere Gründung eingetreten. Allerdings hatten Kneser und ich von vornherein erklärt, daß wir entschlossen wären, als ersten Vorsitzenden der Gesellschaft Julius Weingarten vorzuschlagen. Nachdem wir dann die Gründung, allen Hemmnissen und Schwierigkeiten zum Trotz, durchgesetzt hatten, wurde Lampe einer der eifrigsten Besucher und Förderer der Gesellschaft. Achtzehn seiner Mitteilungen hat er in den Sitzungen der Berliner-Mathematischen Gesellschaft vorgetragen. Und jedesmal konnte er des lebhaftesten Beifalls und der regsten Anteilnahme, besonders seitens der Oberlehrer, gewiß sein. Er war auch eine feste Stütze der Nachsitzungen. Viele werden noch gern an die schönen Abende zurückdenken, wo Lampe, nachdem er eine Portion Eisbein und Sauerkraut mit sichtbarem Behagen verzehrt hatte, aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen zu plaudern nicht müde wurde.
Im Jahre 1900 war der Schriftleiter des Archivs der Mathematik und Physik, R. Hoppe, gestorben und sein Verleger, C. A. Koch, Leipzig, hatte die Zeitschrift an B. G. Teubner verkauft. Herr Hofrat Dr. Ackermann hatte wegen Übernahme der Schriftleitung mit Lampe und mit Herrn Franz Meyer Unterhandlungen angeknüpft, und (diese hatten sich zur Übernahme bereit erklärt unter der Bedingung, daß ein Dritter als geschäftsführender Schriftleiter hinzugezogen würde. Auf Anregung Lampes bot Herr Hofrat Dr. Ackermann mir — es war gerade bei Gelegenheit des Internationalen Mathematikerkongresses in Paris — diese Stellung an, und ich, der ich damals Oberlehrer an der Friedrichswerderschen Oberrealschule war, nahm das ehrenvolle Anerbieten mit Freuden an. Während Herr Fr. Meyer durch seine gewaltige Tätigkeit für die Enzyklopädie der mathematischen Wissenschaften verhindert war, sich sonderlich um das Archiv zu kümmern, hat Lampe meine Bemühungen um die Neugestaltung des Archivs auf das tatkräftigste unterstützt und mir jederzeit mit Rat und Tat beigestanden. Und wenn er sich auch 1911 mit Franz Meyer von der Hauptleitung zurückzog, so hat er doch immer noch die sämtlichen Korrekturen bis wenige Tage vor seinem Tode gelesen. Überhaupt muß das Lesen von Korrekturen einen nicht unerheblichen Teil seiner Zeit verschlungen haben. Außer für das Jahrbuch und das Archiv las er auch noch die Korrekturen für das Crellesche Journal, auf dessen Titelblatt er, nach (Seite 9) dem Tode von Lazarus Fuchs, unter den Mitwirkenden genannt wurde. Naturgemäß hatte sich Lampe durch seine vielfache Redakteurtätigkeit eine ungewöhnliche Gewandtheit im Lesen von Korrekturen erworben, und es war erstaunlich, zu sehen, daß es ihm gelang, immer noch Fehler auf Fahnen herauszufinden, die bereits vom Verfasser und anderen durchgesehen waren.
Ich komme jetzt auf den äußeren Lebensgang Lampes zurück, der sich ja in ruhigen Bahnen abgespielt hat. Am 1. Oktober 1874 übernahm er auf Empfehlung und als Nachfolger Kummers auch an der Kriegsakademie den Unterricht in der höheren Mathematik und hat hier 37 Jahre lang bis zum 1. Oktober 1911 gewirkt. Am 1. Oktober 1889 wurde er als Nachfolger von Paul Du Bois-Reymond an die Berliner Technische Hochschule berufen und hat hier bis zu seinem Tode unermüdlich gewirkt. Wenn auch Lampes mathematische Leistungen nicht an die Leistungen von Paul Du Bois-Reymond heranreichen, so muß man andererseits zugestehen, daß Lampe an der Technischen Hochschule weit eher am Platze war als Männer wie Du Bois-Reymond, wie Weingarten, ja, man muß auch sagen, wie Weierstraß, der bekanntlich auch kurze Zeit an der Technischen Hochschule gelehrt hat. Diese alle gehörten nicht an die Technische Hochschule, sondern an die Universität! Und man kann es wohl begreifen, daß Lampe von den Vertretern der Technik an der Technischen Hochschule mit offenen Armen aufgenommen wurde. Fanden sie doch hier — gleichwie in dem, allerdings auch als Mathematiker hervorragenden Aronhold — einen Mathematiklehrer, der die Gabe und den Willen hatte, sich in die Psyche eines Studierenden hineinzuversetzen, welcher nicht die Absicht hat, Mathematik zu seinem Hauptfach zu wählen, sondern in ihr nur die grundlegende Wissenschaft für seine technischen Studien erblickt.
In seiner neuen Stellung fand Lampe reiche Gelegenheit, seine ungewöhnliche Gewandtheit in der Erledigung von Geschäften und im Verkehr mit den Studierenden zur Anwendung zu bringen. Schon wenige Jahre nach seiner Berufung stellte ihn das Vertrauen seiner Kollegen an die Spitze der Technischen Hochschule als Rektor. In dieser Eigenschaft vertrat er die Berliner Technische Hochschule bei der fünfhundertjährigen Jubelfeier der Universität Padua im Jahre 1892 und wurde bei dieser Gelegenheit zum Dr. scientiae naturalis honoris causa ernannt. So sehr aber Lampe an der Technischen Hochschule die Anwendungen der mathematischen Methoden auf Physik und Geodäsie betonte, er hat darum — wie es in einem Nachruf der Leopoldina heißt, zu deren Mitglied Lampe im Jahre 1895 ernannt wurde — die Mathematik nie zu einem bloßen Handwerkszeug erniedrigt. Wie hoch die (Seite 10) Technische Hochschule die Verdienste Lampes um die allgemeine Ausbildung ihrer Studierenden einschätzte, brachte sie dadurch zum Ausdruck, daß sie ihn bei Gelegenheit seines siebzigsten Geburtstages zum Dr.-Ing. E.h. ernannte.
Lampe hatte die Gabe, die Bedeutung der Mathematik und großer Mathematiker wie Aronbold, Kron,ecker, Kummer, Cayley, Sylvester, Weierstraß, Sophus Lie, Joseph Bertrand, Hermite, Cremona, Hauck, Poincare einem größeren, nicht speziell mathematisch vorgebildeten Leserkreise deutlich zu machen. Und so weist die hinten angefügte Zusammenstellung der Arbeiten Lampes eine große Zahl von Nachrufen auf, darunter allerdings auch Nachrufe auf Forscher, die nicht Mathematiker waren, mit denen Lampe aber durch freundschaftliche Bande verknüpft war. Besonders ergreifend finde ich seine Nachrufe auf den Mathematiker Henoch und den Chemiker Kahlbaum.
Lampe hatte ein sonniges Temperament. „Vom Vater die Statur, von der Mutter die Frohnatur“, wie mir der Sohn bestätigte. Gegen seine Bekannten und Kollegen war er von ungewöhnlicher Gefälligkeit. Wenn jemand ihn um Auskunft über die Literatur zu einem Satz, zu einer Aufgabe anging, was sehr häufig vorgekommen ist, Lampe ließ sich keine Mühe verdrießen, dem Fragesteller die gewünschte Auskunft zu beschaffen. Dabei kam ihm sein erstaunliches Gedächtnis für die mathematische Literatur zugute, sowie die herrliche Bibliothek, die er als Herausgeber des Jahrbuchs im Laufe der Jahre sich zugelegt hatte. Diese Bibliothek gehört zu den besten Privatbibliotheken Deutschlands auf mathematischem Gebiete und enthält Zeitschriften, die man in der Staatsbibliothek vergebens sucht. Hoffentlich findet sich in letzter Stunde eine Behörde, die die Bibliothek als Ganzes aufkauft und für die deutschen Mathematiker rettet.
Viele gibt es unter uns, die das Glück gehabt haben, Lampe freundschaftlich näher treten zu dürfen, viele, denen er mehr oder weniger große Dienste erwiesen hat, viele, denen er die Wege auf ihrer Laufbahn geebnet hat. Ein hilfreicher und guter Mensch von vornehmster Gesinnung! Und dabei hatte er, ein echtes Kind der Mark, ein vorbildliches Gefühl für strengste Pflichterfüllung. Bereits ein schwerkranker Mann, hat er die Vorlesungen im Sommersemester 1918 doch noch zu Ende geführt; sogar die Referate für die Fortschritte der Physik hat er noch rechtzeitig fertiggestellt.
Unter den Schwierigkeiten des Krieges hat Lampe zunächst wohl nicht allzusehr gelitten, da sein Haushalt stets ein Vorbild preußischer Einfachheit und Sparsamkeit geboten hat. Je mehr aber der Krieg sich in die Länge zog, um so fühlbarer wurden die zunehmend (Seite 11) Entbehrungen dem im Greisenalter stehenden Manne. Aber obwohl er selber seit einiger Zeit schwer krank war, sorgte er sich nur um das Wohl seiner Gattin, die allerdings seit Jahren von einem Augenleiden heimgesucht war. Rührend war es zu sehen, wie er auf seine schwachen Schultern Lasten des Haushalts nahm, die besser von ihm ferngehalten worden wären; aber er klagte nie, obwohl er schwer litt! Am 4. September 1918 wollte er gerade von einer Erholungskur im Bad Pyrmont heimkehren, als im Eisenbahnwagen, nicht weit von Braunschweig, ein Herzschlag seinem an Arbeit und Erfolgen reichen Leben ein Ende setzte. Viel zu früh für die Wissenschaft, viel zu früh für uns! Bei seiner wundervollen Konstitution hätte er noch viele Jahre wirken können, wenn die Nöte des Krieges eine bessere Pflege zugelassen hätten. Aber auch wir wollen nicht weiter klagen; wir wollen dankbar sein, daß wir das Glück gehabt haben, einen so vornehmen Menschen, einen so ausgezeichneten Gelehrten unser nennen zu dürfen. Auch das Archiv der Mathematik und Physik, um dessen Blühen, Wachsen und Gedeihen sich Lampe große Verdienste erworben hat, wird sein Andenken stets in dankbarer Erinnerung behalten.
Eugen Jahnke.
Verzeichnis der wissenschaftlichen Arbeiten von Emil Lampe.
Signatur UB Heidelberg: L 5::3: 28.1919-20
Letzte Änderung: 30.03.2026 Gabriele Dörflinger
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